Für den kompletten 10. Jahrgang war der 12. Oktober kein normaler Schultag. Gemeinsam mit ihren Geschichtslehrern traten die Schüler eine Reise in das ehemalige Konzentrationslager Bergen-Belsen an. Eineinhalb Stunden dauerte die Busfahrt in die Nähe von Hannover. Dort angekommen wurden sie herzlich empfangen und durch die Ausstellung und über das Gelände geführt.
Bergen-Belsen war von 1941 bis 1945 ein Kriegsgefangenen- und Konzentrationslager mit einem sehr komplexen geschichtlichen Hintergrund. Heute ist dieser einst so schreckliche Ort, an dem so viel Grausames geschehen ist, eine Gedenkstätte oder vielmehr ein Erinnerungsort. Mahnmale aus der Nachkriegszeit erinnern an die mehr als 70.000 Opfer und an deren Geschichten. Die Ausstellung bietet alles, was man sich vorstellen kann: Originalobjekte, Fotos, Filme, Selbstzeugnisse und Interviews der Überlebenden. Die Dinge leiten den Besucher durch alle Lebensumstände des damaligen Krieges: die Menschen vor Ort, ihre Lebensbedingungen, ihre Geschichte, ihr Hintergrund, ihr Schicksal, ihr Tod. Tausende Namen sind wiederzufinden in dieser Ausstellung, von Toten und auch von Überlebenden, ihre Kleidung und Filme, die zeigen, wie selbst nach ihrem Tod mit ihnen umgegangen wurde.

Der Studientag begann für die Schüler mit einer grundlegenden Einführung der Seminarleiterin. Sie beschrieb, wie das Gelände nach und nach entstand, welcher Funktion es diente und was das Ganze denn überhaupt sei. Sie fing an, von einer Frau zu erzählen, einer Überlebenden. Den Namen der Frau haben die Schüler wahrscheinlich schon längst vergessen, die Geschichte dahinter jedoch bestimmt nicht. Jedes Jahr versammeln sich Menschen vor Ort, um zu gedenken. Darunter fand sich bisher immer eine Überlebende oder ein Überlebender, der über seine persönliche Geschichte berichtet hat. Im vergangen Jahr war es also diese eine Frau. Sie sprach von Angst, Hunger und von ihrer Familie. Damals war sie 16 Jahre alt und wog nur 29 kg. Jeder von uns hat eine Vorstellung, was das bedeutet. Sie litt fürchterlichen Hunger, war kraftlos und verzweifelt. Jeden Tag bangte sie um ihr Leben, fragte sich, wann es wohl beendet würde. Doch eines Tages konnte sie fliehen und endlich wieder leben. Dieses neue „Leben“ war allerdings nie wieder wie zuvor, Noch immer wird sie ständig von den Bildern in ihrem Kopf geplagt. Vergessen kann sie bis heute nicht. Diese sehr persönliche Geschichte ist eine von vielen, die in zahlreichen Videointerviews mit Überlebenden aufgezeichnet wurden, auch in der jeweiligen Muttersprache. Vorausgesetzt die ehemaligen Insassen hatten die Kraft, darüber zu sprechen. Viele andere wollen von all dem nichts mehr wissen. Sie verdrängen ihre Angst und wollen nicht mehr daran erinnert werden, geschweige denn darüber reden.
Obwohl es eigentlich ein „Schulausflug“ war, konnte man spüren, wie die Schüler*innen fühlten. Man sah ihnen ihr Mitgefühl und ihre Fassungslosigkeit an. Kein Schüler und keine Schülerin benahm sich unangemessen, sondern mit ungeheurem Respekt! Sie begriffen, was hier geschehen war. Auch im Bus herrschte noch eine ziemliche Stille. Wenn die Schüler*innen auch nicht täglich an dieses Ereignis denken werden, in Vergessenheit wird es nicht geraten!

Wer sich von dieser Ausstellung gerne selber mal ein Bild machen möchte, kann das jederzeit tun. Ein Rundgang kostet kein Geld und es ist seinen Besuch wirklich wert. Die Trägerin der Gedenkstätte ist die 2004 gegründete Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten, um den Erinnerungsort von nationaler und internationaler Bedeutung an die Nachwelt weiterzugeben und ihnen einen Einblick zu geben. Auch diejenigen, die sich gerne die Geschichten dazu anhören möchte, können einen Rundgang buchen, um noch genauere Informationen zu bekommen. Beim bloßen herumgehen hätten wir z.B. von Anne Franks Geschichte auch nichts mitbekommen. Anne Frank ist wahrscheinlich jedem ein Begriff. Sie lebte im Verborgenen mit ihrer Familie und Freunden. Sie war Jüdin und war geflohen. Immer, wenn sie aus dem Fenster sah, erblickte sie einen ganz bestimmten Baum. Sie wünschte sich, sich im Sommer darunter vor der Sonne zu schützen. Als vor ein paar Jahren genau dieser Baum erkrankte, setzten sich Menschen dafür ein, Ableger zu nehmen und den Baum sozusagen erneut zu „beleben“. Heute existieren Hunderte Bäume auf der ganzen Welt, um an diese schöne Geschichte zu erinnern. Einer dieser Ableger wurde auch in Bergen Belsen auf einer Wiese gepflanzt, wo jährlich Jugendfreizeiten stattfinden. Der Wunsch ist, dass in einigen Jahren die Jugendlichen sich im Schatten vor der Sonne verstecken zu können. Dann ist es so, als wäre Annes Wunsch in Erfüllung gegangen. Auch wenn sie es selber nicht mehr erleben wird, ist dieser Traum nicht in Vergessenheit geraten.
Die Schüler*innen haben vieles gelernt und sind berührt, schockiert und fassungslos. Für unsere Generation ist so etwas einfach unvorstellbar. Und dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – ist es wichtig Jugendliche in diesem Punkt zu „bilden“ und es nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Wahrscheinlich habe ich nicht die richtigen Worte gefunden, um die Einblicke und Gefühle wiederzugeben, die wir dort erfahren haben. Aber wie kann man das Unbegreifliche begreiflich machen – das kann man glaube ich auch gar nicht. Hoffentlich wird sich eine solche Tragödie nie wiederholen.