Shakespeare Company_Margarete Ries

Vier Schauspieler der Bremer Shakespeare Company sitzen an einer Tischreihe auf der Bühne der Willms Aula. Sie verhören Margarete Ries, der vorgeworfen wird, als Kapo im KZ Auschwitz Häftlinge brutal gefoltert und erschlagen zu haben.

 Am 13. Januar 1948 ist die KZ-Überlebende Feiga Bergmann unterwegs nach Bremerhaven um von dort mit der „SS Marine Flasher“ Deutschland für immer zu verlassen. Sie geht durch den Hauptbahnhof, als sie Margarete Ries wiedererkennt, die als sogenannter „Funktionshäftling“ unter dem Namen „Gretel“ sie selbst und andere Mitgefangene in Auschwitz gefoltert und ihre Schwester getötet hat. Bergmann ruft die Bahnhofspolizei und lässt Ries verhaften.

Im Haus des Reichs, dem heutigen Sitz des Finanzamtes, ist zum damaligen Zeitpunkt die US-Militärregierung für Bremen untergebracht, unter deren Leitung die örtliche „Entnazifizierung“ steht. Hierher wird Margarete Ries zu tagelangen Verhören gebracht, die nach und nach die grausamen Details ihrer Taten und die Umstände, die dazu führten deutlich machen.

Als „Asoziale“ kam Ries wegen „Liederlichen Lebenswandels“ und als „Arbeitsscheu“ 1939 erst in das Konzentrationslager Ravensbrück, dann 1942 in das Vernichtungslager Auschwitz. Sie wurde gefoltert und blieb – ebenso wie Feiga Bergmann – auch als Kapo eine Gefangene. Vor dem Investigator der Denazification Division, Alfred Goebel, spricht sie von der Brutalität und dem Sadismus des SS-Führers Salaban.

In den ersten Verhören leugnet Ries alle ihr vorgeworfenen Taten. Im Verlaufe der Vernehmung gesteht sie mehr und mehr. Eine Zeugin sagt aus: „Gretel war sehr bestialisch. Sie wollte sich durch ihre Brutalität immer auszeichnen, damit die Vorgesetzten auf sie aufmerksam wurden.“

Obwohl Zeuginnen grauenhafte Details schildern, obwohl festgestellt wird, dass Margarete Ries im KZ Ausschwitz als „Funktionshäftling“ schwere Verbrechen begangen hat, dass sie als Kapo besondere Privilegien genoss und ein verlängerter Arm der SS war, wird sie freigesprochen. Die Revision des öffentlichen Klägers wird abgelehnt, das Urteil am 8. September 1949 bestätigt.

All dies lässt sich den Protokollen der Verhöre entnehmen, die bis heute im Bremer Staatsarchiv lagern und die die Historikerin Eva Schöck-Quinteros mit ihren Student*innen der Uni Bremen durchgearbeitet hat.

Die Szenische Lesung „Im Lager hat man mich zum Verbrecher gemacht“ ist mittlerweile die fünfte Kooperation von Studierenden des Fachbereichs Geschichte mit der Bremer Shakespeare Company. Seit 2007 entstehen an der Universität Bremen unter dem Motto „Aus den Akten auf die Bühne“ Geschichts- und Theaterprojekte zu Themen aus der Vergangenheit der Hansestadt. Veranstaltet wir die Reihe von der Bundeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit dem Landesverband Jeunesses Musicales Mecklenburg-Vorpommern und dem Festival „Verfemte Musik“ mit dem Ziel, Schüler*innen durch Theater einen besseren Zugang zur Geschichte und zum historischen Lernen zu ermöglichen.

Den Schauspielern ging die ganze Lesung ziemlich nahe. Besonders Petra-Janina Schultz, die Margarete Ries ihre Stimme gibt: „Einmal hätte ich fast die Lesung mitten drin unterbrochen, nur um zu sagen: Stopp! Das war ich doch gar nicht! Das bin nicht ICH!“. Zu der szenischen Lesung wurde nur die Oberstufe (Q1 & Q2) zugelassen. Zwei Schulstunden lang durften diese beobachten, wie das Verhör der Margarete Ries abgelaufen ist. Während der Lesung gab es zwei Unterbrechungen, um den Schülern Fragen zu stellen, z.B. ob sie wissen was ein Kapo ist. Tatsächlich war vielen dieser Begriff völlig neu. Eine heiße Diskussion gab es um die Frage, ob Margarete Ries nun schuldig oder unschuldig sei. Trotz der erdrückenden Beweise war die Frage nicht leicht zu beantworten. Begleitet wurde das Projekt vor allem von Frau Haverkamp und weiteren Geschichtslehrer*innen.

Margarete Ries blieb in Bremen, verdiente ihren Lebensunterhalt als Arbeiterin, heiratete 1956 einen Elektriker und starb Ende 1968. Alfred Goebel schreibt später in seinem Bericht: „Nicht das Werkzeug, mit dem ein Mensch getötet wird, ist schuldig zu sprechen, sondern derjenige, der dieses Werkzeug benutzt.“

Für alle, die das Verhör gern selbst sehen möchten: Dieses und andere Produktionen zur der Bremer Vergangenheit, findet Ihr unter https://www.facebook.com/sprechende.akten.

Von Emma

Ich bin Emma-Zoe, nun 16 und bringe immer wieder Leben in die Bude. Mit meiner E-Gitarre rocke ich zuhause ab und auch mit meiner verrückten Art bringe ich meine Freunde zum lachen. Ich bin eines der ersten Mitglieder dieser Zeitung und freue mich immer wieder auf neue Anregungen, Vorschläge, Wünsche und Mitglieder. :)

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